Berg des Lebens
Du beginnst dein Leben. Wehrlos. Hilflos. Liegend am Fuße des Berges. Furchtlos blickst du hinauf, voller Vertrauen, im vollem Bewusstsein das dieser Berg, dein Berg, im laufe deines Lebens von dir bezwungen wird. Wohl wissend das es nicht leicht sein wird oder schwer. Das ist dein Berg. Niemand anderem wird diese wichtige und einzigartige Aufgabe zu teil. Kein Berg gleicht dem anderen. Keine Bergspitze sieht gleich aus. Kein Aufstieg gleicht dem anderen. Dies ist dein Berg. Und voller Freude gibst du dich dem Aufstieg hin.
Krabbelnd machst du dich auf den Weg. Langsam – denn du hast es nicht eilig. Mit Bedacht. Immer noch voller Vertrauen das der Aufstieg dich mit Leben erfüllen wird, mit ungeahnter Freude.
Die Zeit rast und tropft doch nur so dahin und nun hangelst du dich aufrecht die Bergwand hinauf, kannst noch nicht lange stehen und die Schwerkraft macht dir immer noch zu schaffen. Aber in einem dieser stehenden Momenten wird dir plötzlich Bewusst das der Boden doch schon eine Weile entfernt ist und das die Spitze dir näher gekommen ist. Ein nie gekanntes Gefühl macht sich in dir breit. Angst. Doch voller Zuversicht kletterst du weiter, denn dies hier ist dein Berg – ganz allein für dich geschaffen.
Wieder ist zeit vergangen, das aufrechte stehen kostet dich schon lange keine Mühen mehr. Dein Körper reagiert auf deine Gedanken. Deine Hände tragen mühelos dein Gewicht, deine Füße finden fast blind den Weg nach oben. Doch zwischendurch, manchmal, schaust du beklommen nach unten auf die Erde. Mittlerweile hast du schon ein recht großes Stück erklommen und der Grund ist einen großes Stück entfernt, ängstlich blickst du dann zu Boden wohl wissend das dein Ziel in schwindelerregender Höhe liegt. Doch voller Vertrauen kletterst du weiter du lachst über deine Angst denn es gibt ja nichts wovor du dich zu fürchten bräuchtest, das ist dein Berg.
Lang lang ist es her und du kletterst nun schon eine kleine Ewigkeit, bis nach oben ist es noch immer ein ziemliches Stück, nicht nur das du jetzt kaum noch den Boden erkenne kannst, nein, das ist noch nicht einmal das schlimmste,auch wenn dich immer wieder Wogen der Angst überkommen, in denen du dich voller Zweifel an den vertrauten Fels klammerst. Nein, dich überkommen immer wieder Phasen der Einsamkeit. Das schlimme ist, das dir nie aufgefallen ist wie allein du auf diesem Berg bist – Du kannst schließlich nicht der einzige sein oder die einzige oder das? Hmm jedenfalls allein kannst du eigentlich nicht sein. Und plötzlich fällt es dir ein, es ist so simpel, die anderen müssen auf der anderen Seite des Berges sein. Das war so dumm von dir das du laut zu lachen anfängst. Das Geräusch lässt dich erschrecken. Deine linke Hand rutscht ab. Staub und kleine Steine fliegen dir in das Gesicht. Dein Herz rast und dein Atem geht stoßweise. Wie konnte das passieren? Das dir dein Lachen so fremd wurde das es dir Todesangst einjagt ? Hastig, fast verzweifelt kletterst du weiter aber dieses mal nicht hinauf, sondern du kletterst verzweifelt, auf der Suche nach Gesellschaft und Trost.
Halb wahnsinnig und nach viel zu langer Zeit knickst du ein, kauerst dich auf einem Felsvorsprung zusammen und betest eine höhere Macht möge dir den Weg Zeigen oder aber so gnädig sein, dich zu erlösen.
Nach einiger Zeit – dein Gesicht ist gezeichnet von Falten, dein Körper hat Anzeichen von verschleiß, packt dich neuer Mut. Du bist vielleicht allein aber dennoch kannst du es schaffen. Der Boden unter dir ist schon lange nicht mehr zu erkennen aber die Bergspitze ist dir so nahe wie nie zuvor. Du drehst dich immer wieder zu allen Seiten vergewisserst dich das du allein bist.
Nun ist es nicht mehr weit. Wenige hundert Meter trennen dich von der Bergspitze. Deine Hände sind von all dem klettern müde und alt. Deine Knie tun weh,deine arme sind ausgezehrt und schwach. Da fällt dir nach all der Zeit, in der du dich einsam fühltest auf, das du immer Gesellschaft gehabt hast. Dein Schatten ist nie von deiner Seite gewichen. Die letzten Hundert Meter kletterst du vergnügt fröhlich hinauf angespornt von deinem Schatten. Doch als du dich der Spitze auf ein paar Meter näherst, bekommst du plötzlich Angst. Nicht die alt bekannte Fallsucht, die dir schon fast ein Freund über all die Zeit geworden ist. Das ist das Ende. Das wird dir ganz plötzlich bewusst. Panik packt dich und du überlegst zum tausendsten mal dich einfach in die Tiefe fallen zu lassen. Zeit zerrinnt. Und gemeinsam, zusammen mit deinem Schatten, wagst du es.
Oben angekommen. Du dachtest es würde dir den Atem rauben. Dir die Sinne vernebeln, dir Flügel schenken oder dir endlich den Sinn deines dasein erklären. Nichts. Absolut gar nichts.
Enttäuscht lässt du deinen Tränen freien Lauf. All die Anstrengungen, all die Ängste. Um sonst? Das darf nicht sein. Das kann einfach nicht sein. Wozu war das ganze denn dann gut?
Deine Tränen lassen nach und das erste mal guckst du weiter hinaus, löst deinen Blick von deinem Berg und genießt die Aussicht. Dir fällt auf das dein Berg sich kaum von den umliegenden unterscheidet. Und noch etwas fällt dir auf. Auf jedem Berg befindet sich einer, genau wie du. Nicht alle sind auf selber Höhe oder sehen gleich aus aber dennoch, es sind die selben Wesen wie du auch.
Zugleich lachend und weinend wird dir bewusst – du warst nie alleine.
Denn das hier ist dein Berg.